Computergestützte Ansätze für die Ökosysteme Thüringens im 19. Jahrhundert
Die historische Ökologie liefert wichtige Grundlagen für die Bewertung der heutigen Biodiversität und Klimapolitik, indem sie aufzeigt, wie vergangene Gesellschaften ihre Umwelt geprägt haben – und von ihr geprägt wurden. Darüber hinaus ist klar, dass sich die Dynamik und Entwicklung der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts in Bezug auf Nachhaltigkeit und Biodiversität bis in die Vergangenheit zurückverfolgen lassen, auch wenn einige der Hauptfaktoren jüngeren Datums sind. Hier hat die Entstehung digitaler Werkzeuge, darunter künstliche Intelligenz, das Potenzial, große Mengen an Archivdaten für Studien zur Biodiversität und zum ökologischen Wandel zu mobilisieren. Thüringen befindet sich derzeit am Scheideweg zwischen ehrgeizigen Renaturierungsprojekten, Reformen zur nachhaltigen Forstwirtschaft und Debatten über die Förderung der landwirtschaftlichen Bodennutzung. Das Land bietet somit einen idealen Testbereich, um die Fähigkeit dieser Werkzeuge bei der Nutzung historischer Daten zu prüfen und das Verständnis für aktuelle Zusammenhänge zu verbessern.
Historisch gesehen wurde die Region, die heute als Thüringen bekannt ist, von verschiedenen politischen Einheiten regiert, bis nach der deutschen Revolution im Zuge des Ersten Weltkriegs die sieben sogenanntem „Thüringischen Freistaaten“ zum Freistaat Thüringen vereinigt wurden. Angesichts der Komplexität, die mit der Untersuchung der ökologischen Bedingungen in ganz Thüringen verbunden ist, konzentriert sich diese Pilotstudie auf das historische Fürstentum Reuß jüngere Linie, eine kompakte und klar abgegrenzte politische Einheit. Deren Mischung aus Hochlandwäldern, Flusstälern und frühen Industriezentren rund um die Hauptstadt Gera macht es zu einer aufschlussreichen Fallstudie für die Rekonstruktion der ökologischen Situation Thüringens um das Jahr 1870.
Um die historisch-ökologischen Bedingungen in der Region Thüringens umfasssend zu untersuchen, müssen zahlreiche Archivdatensätze aus mehreren Institutionen erschlossen, digitalisiert, erfasst und analytisch ausgewertet werden. Hauptquelle für unsere Pilotuntersuchung ist der systematisch strukturierte Band „Landes- und Volkskunde des Fürstentums Reuß j.L.", der 1870 von dem lokalen Historiker, Archivar, Geographen und Gymnasiallehrer Georg Brückner (1800-1881) im Auftrag des damaligen Herrschers von Reuß jüngerer Linie, Prinz Henry XIV (1832–1913), kurz nach dessen Amtsantritt 1867, veröffentlicht wurde. Der historische Text umfasst insgesamt etwa 840 Seiten und enthält Kapitel zu verschiedenen ökologischen Themen wie geognostische Übersichten, Hydrologie, Klima, Fauna und Flora, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Bergbau.
Das Projekt verfolgt folgende wissenschaftliche Ziele:
- Tier: Tierarten
- Pflanze: Pflanzenarten
- Umwelt: Biotope und Ökosysteme
- Mensch: benannte Einheit “Person”
- Natürliche Objekte: Objekte in der Natur, z. B. bestimmte Flüsse, Wälder oder Berge
- Umweltauswirkungen: Einflüsse auf Umwelt, Fauna, Flora oder Klima
- Ressourcen: vom Menschen genutzte natürliche Ressourcen, z. B. Holz, Öl, Kohle
- Klima: Erwähnung von Klimafaktoren wie Wetter, Jahreszeiten und Temperatur
- Analyse und räumliche Kartierung historischer ökologischer Daten: Nach der Datenextraktion werden die gewonnenen ökologischen Informationen mithilfe eines umfassenden analytischen Rahmens interpretiert und räumlich kartiert. Unter Verwendung von Geografischen Informationssystemen (GIS) zielt das Projekt darauf ab, die ökologischen Bedingungen im Jahr 1870 auf dem Gebiet des Fürstentums Reuß, jüngerer Linie, zu visualisieren. Die Karten dienen als Quelle für die Interpretation ökologischer Veränderungen im Laufe der Zeit und verbessern unser Verständnis der historischen Umweltdynamik innerhalb des Fürstentums Reuß, jüngerer Linie.
- Entwicklung und Validierung computergestützter Methoden: In diesem Projekt wird auch versucht, das methodische Wissen zu erweitern, indem die Effektivität, Genauigkeit and Reproduzierbarkeit der Nutzung der Fähigkeiten großer Sprachmodelle (Large Language Models - LLMs) in der historischen und ökologischen Forschung bewertet wird. Durch die kritische Bewertung und Überprüfung der für die Entitätserkennung, Annotationsgenauigkeit und Zuverlässigkeit der Datenextraktion verwendeten Berechnungstechniken soll die Studie standardisierte Praktiken und Richtlinien für zukünftige interdisziplinäre historisch-ökologische Studien unter Verwendung künstlicher Intelligenz etablieren.
Diese Studie soll durch die Verbindung traditioneller historischer Forschung mit modernsten computergestützten Methoden soll diese Studie einen bedeutenden Beitrag zur historischen Umweltforschung leisten und eine breitere Diskussion über ökologische Geschichte, Umweltveränderungen und die Rolle digitaler Innovationen in der historischen Analyse anregen.













