Das Erbe des Kolonialismus in den Bergwäldern Kenias
Eine neue Studie führt den Verlust der Bergwälder Kenias auf die koloniale Landpolitik und die postkoloniale Umsiedlung zurück. Mithilfe von Karten, Archiven und Satellitendaten verfolgen die Forschenden die tiefen historischen Wurzeln der Entwaldung in der Regierungsführung und Landnutzung.
Obwohl die tropischen Wälder Ostafrikas offiziell durch moderne Konservierungsbestimmungen geschützt sind, werden sie weiterhin in hohem Maß abgeholzt. Der Verlust dieser Wälder wird meist auf verarmte Gemeinschaften von Kleinbauern zurückgeführt, während die Einflüsse der Kolonialpolitik und ihr langanhaltendes Erbe auf Landschaften und die Gesellschaft ignoriert werden. Eine aktuelle Studie untersucht die Ursprünge aktueller Entwaldungstrends und die historischen, politischen und sozioökonomischen Faktoren, die sie vorangetrieben haben.
Ein Forschungsteam des Max-Planck-Instituts für Geoanthropologie (MPI-GEA) kartierte anhand historischer Karten, Archivdokumenten, Satellitenbildern und Siedlungsdatensätzen die Veränderungen der Bergwaldflächen in Kenia von 1910 bis 2024. Durch die Integration dieser Methoden konnten die Forschenden ein umfassendes Bild davon erstellen, wie sowohl die koloniale Landverteilung als auch die postkoloniale Umsiedlungspolitik zum anhaltenden Rückgang der Wälder beigetragen haben.
Die Analyse dieser vielfältigen Datenquellen hat gezeigt, dass während der Kolonialzeit etwa 46 Prozent der Bergwaldbedeckung verloren gingen. Dies ist hauptsächlich auf die Zuteilung von Flächen für großflächige Plantagen und landwirtschaftliche Projekte zurückzuführen.
Der Waldverlust setzte sich auch in der postkolonialen Zeit fort, allerdings verschoben sich die Hauptursachen. Regierungsgeleitete Umsiedlungen , die auf kolonialen Strukturen und Einschränkungen basierten, führten lokale Haushalte in Bergwaldgebiete, was zu einer weiterführenden Entwaldung und Degradation führte. Das koloniale Erbe einer zentralisierten Waldbewirtschaftung, bei der lokale Gemeinschaften wenig oder gar kein Mitspracherecht hatten, wurde auch in die Zeit nach der Unabhängigkeit übernommen.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Entwaldung in Bergwäldern kein modernes Phänomen ist, sondern tief in historischen Landrichtlinien und Regierungsstrukturen verwurzelt ist, die die heutige Waldbewirtschaftung weiterhin beeinflussen”, sagt Dr. Peter Gitau, Hauptautor der Studie.
„Indem wir den Waldverlust bis in die Kolonialzeit zurückverfolgen, zeigt unsere Arbeit, dass aktuelle Naturschutzbemühungen nicht vollständig verstanden werden können, ohne sie in ihren langfristigen historischen und politischen Kontext zu setzen”, sagt Dr. Rahab Kinyanjui, Mitautorin der Studie. „Darüber hinaus zeigen wir, wie historische Datensätze in einen multidisziplinären Ansatz eingebunden werden können, um ein ganzheitliches Verständnis der Walddynamiken zu ermöglichen.”
Man geht von einer steigenden Abholzung von Tropen- und Bergwäldern aus. Gründe dafür sind das Bevölkerungswachstum, der steigende Bedarf an Ackerland und die zusätzliche Belastung der landwirtschaftlichen Produktion durch den Klimawandel. Zukünftige Forschungen sollten multidisziplinäre Methoden wie Paläoökologie, Archäologie und Umweltgeschichte berücksichtigen, um unser Verständnis der Walddynamik zu verbessern.
„Nur durch die Stärkung der lokalen Bevölkerung, die Sicherstellung einer gerechten Aufteilung der Gewinne und die Integration traditioneller ökologischer Praktiken können Konservierungsbemühungen zu langfristigen Ergebnissen führen”, fasst Prof. Patrick Roberts, Mitautor der Studie und Direktor der Abteilung für Koevolution von Landnutzung und Urbanisierung am MPI-GEA zusammen.












