Als Reaktion auf den Klimawandel? Bevölkerungs- und Sprachentwicklung in Nordostasien

Sprachwissenschaftler:innen ordnen die Sprachen der Welt seit langem in Stammbäume ein. In unserer früheren, vom ERC geförderten Forschung stellte unsere Gruppe übersichtliche Verzweigungen dar, um zu zeigen, wie aus der trans-eurasischen Ursprache die türkischen, mongolischen, tungusischen, koreanischen und japanischen Sprachen hervorgingen. Dabei beschrieben wir eine Vererbungsgeschichte, in der trans-eurasische Vorfahrenwörter und Grammatiken über die Zeit weitgehend unverändert blieben und nur geringfügig von jeder Generation modiziert wurden. Neben der Identifikation dieser gemeinsamen sprachlichen Komponente „trans-eurasischer“ Abstammung stellten wir fest, dass die Geschichten der Sprecher dieser Sprachen auch durch eine gemeinsame genetische Komponente, die sogenannte „Amur“-Abstammung, sowie durch eine gemeinsame kulturelle Komponente des Hirseanbaus verbunden sind. Diese Sichtweise, wonach Sprachen seit der Jungsteinzeit vertikal von einem gemeinsamen Vorfahren weitergegeben wurden und mit der vertikalen Übertragung eines genetischen Profils sowie einer gemeinsamen Lebensweise der Sprecher übereinstimmt, veranschaulicht Geschichte auf eindrucksvolle Weise. Dieses Bild ist klar und schlüssig, aber unvollständig.

Die Realität der transeurasischen Sprachgeschichte ist deutlich komplexer. Sie umfasst nicht nur Abstammung, sondern auch Kontakte. Im Verlauf der Menschheitsgeschichte trafen Bevölkerungsgruppen aufeinander, interagierten und vermischten sich. Dabei vermischten sich nicht nur ihre Wirtschaftssysteme, sondern auch ihre Sprachen. Als die transeurasischen Sprecher allmählich von ihrer Heimat in Nordostasien zu ihren heutigen Standorten zogen, erreichten sie unterschiedliche ökologische Umgebungen, die von lokalen Gruppen bewohnt wurden, die verschiedene Sprachen sprachen, unterschiedliche genetische Profile aufwiesen und unterschiedliche Subsistenzstrategien verfolgten. Archäologisch betrachtet wechselten die Menschen von der Hirse-Landwirtschaft zu vielfältigeren Anbauformen, zur Viehzucht, zur Nomadenwirtschaft oder kehrten zur Jagd und zum Sammeln zurück. Genetische Befunde weisen auf Vermischungen durch Mischehen mit lokalen Gruppen hin.

Einige lokale Bevölkerungsgruppen gaben ihre Sprache auf und übernahmen die Sprache der transeurasischen Neuankömmlinge, andere behielten ihre Sprache und tauschten lediglich einzelne Wörter oder Sprachstrukturen aus. In beiden Fällen hinterließen die lokalen Gruppen Spuren ihrer Sprache in den transeurasischen Sprachen, etwa durch Unvollkommenheiten beim Spracherwerb im Sprachwechsel oder durch Entlehnungen im Sprachaustausch. Laute wechselten zwischen den Sprachen, neue Wörter wurden übernommen, und grammatikalische Strukturen veränderten sich. Diese Prozesse formten die transeurasischen Sprachen neu und erhöhten allmählich die Vielfalt unter den verschiedenen transeurasischen Tochtersprachen.

In unserer aktuellen Forschung wenden wir unsere ursprüngliche Perspektive um: Statt nach einer früheren gemeinsamen Komponente zu suchen, die alle Sprecher transeurasischer Sprachen teilen, konzentrieren wir uns darauf, was diese Sprachen und ihre Sprecher unterscheidet. Wie entwickelten sich die Sprachfamilien und ihre Sprecher in den Jahrtausenden nach ihrer Aufspaltung so vielfältig? Und wie förderte diese Vielfalt die Anpassungsfähigkeit und Widerstandsfähigkeit der Sprachen und ihrer Sprecher?

Unser Ziel ist es, zu ermitteln, inwieweit die sprachlichen, kulturellen und genetischen Veränderungen bei den transeurasischen Sprachen und ihren Sprechern zeitlich und räumlich miteinander sowie mit bedeutenden klimatischen Ereignissen des Holozäns verknüpft sind. Zu diesen Ereignissen zählen unter anderem die Klimaumkehr im frühen Holozän (9000–9200 BP), die Neoglazialisierung (5500–4500 BP, auch bekannt als Bond 4, 5,9-ka-Ereignis) und die Megalayan-Dürre (4200–3500 BP, auch bekannt als Bond 3, 4,2-ka-Ereignis).

Wir gehen davon aus, dass die Auslöser für diese Veränderungen wahrscheinlich nicht ein einzelner Faktor waren, etwa allein der Klimawandel, wie ökologische Modelle nahelegen, oder ausschließlich Machtungleichgewichte, wie soziale Modelle vermuten. Vielmehr ist ein komplexer Prozess anzunehmen, der aus mehreren nacheinander oder gleichzeitig wirkenden Kräften besteht.

Wir stellen die Hypothese auf, dass Sprachwandel und Entlehnungen in Verbindung mit genetischer Vermischung und adaptiven Subsistenzstrategien das Überleben und die Dominanz der transeurasischen Sprachen gegenüber weniger widerstandsfähigen Sprachfamilien durch erfolgreiche Anpassung an Umweltveränderungen begünstigten.

Die Ergebnisse dieser Studie beschränken sich möglicherweise nicht auf die Vergangenheit, sondern finden auch in der Gegenwart deutlichen Widerhall. Die Geschichte menschlicher Migration dokumentiert Herausforderungen durch Klimawandel und Extremereignisse sowie die Kraft menschlicher Interaktion und Resilienz - von der Ausbreitung der Bauern in der Antike bis zu den aktuellen Klimaflüchtlingen. In einer zunehmend globalisierten Welt erinnert die Studie daran, dass menschliche Interaktionen die sprachliche, genetische, kulturelle und ökologische Vielfalt weiterhin prägen.

Konkret untersuchen unsere Doktorandinnen und Doktoranden folgende Themen:

Eine Geschichte der amurischen Sprachfamilie und ihrer Wechselwirkungen mit den tungusischen und ainuischen Sprachen
Martijn Knapen

Die Hypothese, dass die amurischen Sprachen, gesprochen vom Volk der Nivch, eine der wenigen sprachlichen Linien Nordostasiens sind, die nach der Ausbreitung der verschiedenen Zweige der transeurasischen Sprachen wie den tungusischen Sprachen erhalten blieben, besteht seit langem. Die Dissertation zeigt, dass die Sprecher der amurischen Sprachen seit langem in der nordostasiatischen Landschaft und Meeresregion leben. Sie identifiziert verschiedene amurische Spuren im Wortschatz, in der Phonologie und Morphosyntax nicht nur der tungusischen, sondern auch der ainuischen Sprachen. Dies liefert den ersten Nachweis einer früheren weiter ausgedehnten Verbreitung der amurischen Sprachen.

Eine Stratigraphie alter lexikalischer Entlehnungen zwischen sino-tibetischen und transeurasischen Sprachen
Bingcong Deng

Die Dissertation untersucht Belege für prähistorischen Sprachkontakt in Ost-Eurasien, insbesondere zwischen sino-tibetischen und transeurasischen Sprachen, mit Schwerpunkt auf lexikalischen Entlehnungen. Das interdisziplinäre Projekt stützt sich auf Erkenntnisse aus Archäologie, Philologie, Humangenetik und Paläoklimatologie. Ausgehend vom Sprachkontakt als Perspektive auf prähistorische Kulturdynamik trägt die Studie zum Verständnis der menschlichen Vergangenheit in Nordasien bei, insbesondere zur Interaktion verschiedener Bevölkerungsgruppen, zum kulturellen Austausch und zur Beziehung zwischen Mensch und Umwelt.

Paläoklima, Bevölkerungsmigrationen und Sprachausbreitung der frühen Sprecher des Turkischen im Paläoanthropozän
Arda Duman

Die Dissertation untersucht, wie klimatische Schwankungen, menschliche Mobilität und soziale Interaktionen die Ausbreitung, Diversifizierung und Anpassungsfähigkeit früher turksprachiger Gruppen in Nordostasien beeinflussten. Diese Faktoren wirken als Triebkräfte des „Anthropozän-Motors“. Die Studie analysiert die Koevolution von Sprachausbreitung, genetischer Vermischung und adaptiven Subsistenztechniken innerhalb holozäner sozioökologischer Systeme. Dabei verwendet sie einen archäolinguistischen Ansatz, der Archäogenetik, Archäologie und historische Linguistik integriert. Ziel ist es, zu zeigen, wie Umweltbelastungen und interkulturelle Kontakte gemeinsam sprachliche, genetische und kulturelle Veränderungen während des Paläoanthropozäns prägten, indem die Entstehung des Prototurkischen in der Interaktionszone des Ordos-Plateaus verortet wird.

Ausgewählte Publikationen

Hudson, M.; Bjorn, R.; Spengler III, R. N.: Archaeology and language change in the Bronze Age and languages. In: The Oxford Handbook of Archaeology and Language, Part II, 15, S. 273 - 286 (Hg. Robbeets, M.; Hudson, M.). Oxford University Press, Oxford (2025)
Knapen, M.: Amuric-Tungusic language contact and the Amuric homeland. In: Agropastoralism and languages across Eurasia: expansion, exchange, environment, Chapter 6, S. 53 - 69 (Hg. Hudson, M.; Robbeets, M.). BAR Publishing, Oxford (2023)
Leipe, C.; Sergusheva, E. A.; Robbeets, M.; Wertmann, P.; Kradin, N. N.; Wagner, M.; Tarasov, P. E.: Timing and cultural-environmental context of the spread of barley to and within northern East Asia. Journal of Archaeological Science: Reports 67, 105372, S. 1 - 15 (2025)
Robbeets, M.: Prehistoric interaction between Transeurasian and non-Transeurasian speakers. In: Agropastoralism and languages across Eurasia: expansion, exchange, environment, Chapter 4, S. 25 - 40 (Hg. Hudson, M.; Robbeets, M.). BAR Publishing, Oxford (2023)
Robbeets, M.; Bouckaert, R.; Conte, M.; Savelyev, A.; Li, T.; An, D.-I.; Shinoda, K.-i.; Cui, Y.; Kawashima, T.; Kim, G. et al.; Uchiyama, J.; Dolinska, J.; Oskolskaya, S.; Yamano, K.-Y.; Seguchi, N.; Tomita, H.; Takamiya, H.; Kanzawa-Kiriyama, H.; Oota, H.; Ishida, H.; Kimura, R.; Sato, T.; Kim, J.-H.; Bjorn, R.; Deng, B.; Rhee, S.; Ahn, K.-D.; Gruntov, I.; Mazo, O.; Bentley, J.; Fernandes, R.; Roberts, P.; Bausch, I.; Gilaizeau, L.; Yoneda, M.; Kugai, M.; Bianco, R. A.; Zhang, F.; Himmel, M.; Hudson, M.; Ning, C.: Triangulation supports agricultural spread of the Transeurasian languages. Nature 599 (7886), s41586-021-04108-8, S. 616 - 621 (2021)
Robbeets, M.; Hudson, M.; Ning, C.; Bouckaert, R.; Savelyev, A.; Kim, G.; Li, T.; Oskolskaya, S.; Gruntov, I.; Mazo, O. et al.; Rhee, S.; Ahn, K.-D.; Fernandes, R.; Shinoda, K.-i.; Kanzawa-Kiriyama, H.; Bjorn, R.; Deng, B.; An, D.-i.; Bentley, J.; Kawashima, T.; Dolińska, J.: Triangulation reduces the polygon of error for the history of Transeurasian. bioRxiv, 510045 (2022)
Robbeets, M.; Leipe, C.: Climate change and the spread of the Transeurasian languages. Quaternary environments and humans 3 (2), 100071, S. 1 - 18 (2025)

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