Language and the Anthropocene
Die Technologie hat den Übergang vom Zeitalter der Jagd und des Beerenpflückens zur industrialisierten Landwirtschaft und zu Online-Konferenzen ermöglicht. Neben dem Fortschritt führte sie zu einer explosionsartigen Zunahme der Weltbevölkerung, zum Verlust der biologischen Vielfalt und zum globalen Klimawandel. Das Anthropozän stellt eine neue Perspektive auf die Weltgeschichte dar, die die Wechselbeziehungen zwischen menschlichen Gemeinschaften und dem Erdsystem untersucht. Da Menschen mit ihrer Umwelt interagieren, spielt auch die Sprache eine bedeutende Rolle. Die Erkenntnis, dass der Mensch das Erdsystem dominiert, fordert die Integration verschiedener Disziplinen in die Anthropozän-Forschung, darunter Chemie, Geologie, Klimawissenschaft, Ökologie, Demografie, Archäologie und Anthropologie. Trotz mehrfacher Aufforderungen wurde die Linguistik bisland nur zurückhaltend in diesen Forschungsbereich einbezogen.
Das Projekt untersucht die Relevanz der historischen vergleichenden Sprachwissenschaft für die Anthropozän-Forschung. Die Forschenden analysieren, wie ökologische Faktoren Sprachverteilungen beeinflussen, wie der Klimawandel die Sprachmobilität verändert und in welchen Fällen Sprachen Merkmale aufweisen, die in den jeweiligen Ökosystemen verknüpft sind. Quantitative, qualitative und multidisziplinäre Methoden werden zusammengeführt, um die Schnittstelle zwischen Ökologie und Sprache zu erforschen. Zudem werden verschiedene übergreifende Modelle für Beziehungen zwischen Ökologie und Sprache auf globaler Ebene geprüft. Die Analysen und weltweiten Fallstudien zeigen, dass die Verbindungen zwischen Klima beziehungsweise Ökologie und Sprache hauptsächlich indirekt, jedoch umfassend sind, da sie durch zentrale Aspekte menschlicher Kultur und sozialer Strukturen, insbesondere durch Lebensweisen, vermittelt werden. Im Verlauf der Menschheitsgeschichte, vom Holozän zum entstehenden Anthropozän, verschiebt sich diese Beziehung vom umweltbedingten Determinismus in Bezug auf Menschen und ihre Sprachen hin zu verstärkten anthropogenen Einflüssen auf Ökologie und Sprachdynamik.
Die Region Nord- und Ostasien, die im Mittelpunkt der Expertise unserer Gruppe steht, dient als idealer Testfall. Dies liegt nicht nur an der Vielfalt der dortigen Sprachfamilien, sondern auch an dem seit der Jungsteinzeit bekannten vielfältigen Klima und den sich wandelnden Landschaften. Der Forschungsfokus wird schrittweise auf ein breiteres Spektrum an Sprachfamilien und Ökosystemen weltweit ausgeweitet. Kürzlich wurde mit der Organisation des interdisziplinären Symposiums „Exploring the Ecology-Language Relationship through Time, in Microcosms of the World’s Ecologies: die Anden und der Altai-Amur-Raum“ die Sprachlandschaft der Anden in das Forschungsportfolio aufgenommen. Diese Region weist, ähnlich wie Nord- und Ostasien, verschiedene Mikrokosmen globaler Ökosysteme auf und bietet ein vergleichbares Modell für die Beziehung zwischen Sprache und Ökologie über die letzten 10.000 Jahre.












