Der Anthropozän-Motor auf See: Archäolinguistische Perspektiven zur „blauen Beschleunigung“
Welche Rolle spielten Fischerei und andere Nutzungen mariner Ressourcen durch den Menschen im „Anthropozän-Motor“, also den historischen Prozessen, die zur Entstehung und Ausbreitung des Anthropozäns führten? Viele Archäolog:innen und Ökolog:innen vertreten die Ansicht, dass die Landwirtschaft der entscheidende Motor für Veränderungen der Landnutzung vom Neolithikum bis zum Vorabend des Industriezeitalters war. In der archäolinguistischen Theorie nimmt die Landwirtschaft durch die „Hypothese von der Ausbreitung der Landwirtschaft und der Sprache“ eine zentrale Stellung ein. Die Archäolinguistik fokussierte sich bisher vorwiegend auf terrestrische Aspekte, was sich aus der Fokussierung der Ausbreitung von Sprachen in Verbindung mit Landwirtschaft erklärt. Die Nutzung des Meeres und seiner Ressourcen durch den Menschen reicht jedoch weit in die Vergangenheit zurück. In Küsten- und Inselregionen verbreitete sich die frühe Landwirtschaft über maritime Netzwerke, die jedoch oft nur unzureichend erforscht sind. In einigen neolithischen Gesellschaften ist mit Beginn der Landwirtschaft ein deutlicher Rückgang der Fischerei zu beobachten. Seit der Bronzezeit ist der Handel mit konserviertem Fisch mit der städtischen Versorgung verbunden, ein Trend, der sich mit der Fernfischerei im Atlantik im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit fortsetzte. Die Industrialisierung führte seit etwa 1900 zu weiteren bedeutenden Veränderungen in der kommerziellen Fischerei, die als „blaue Beschleunigung“ bezeichnet werden.
Dieses Projekt erweitert das zentrale Forschungsthema der Forschungsgruppe „Language and the Anthropocene“, indem es die Langzeitgeschichte der Gewinnung mariner Ressourcen und deren archäolinguistische Implikationen untersucht. Zu den behandelten Themen gehören:
- Die Rolle des Meeres und seiner Ressourcen bei der Ausbreitung menschlicher Populationen und Sprachen
- Der Rückgang der biologischen und sprachlichen Vielfalt auf See im Vergleich zum Land
- Die Bedeutung der Globalisierung und sprachlichen Fernkontakt durch die Fischerei
- Die Veränderungen von Darstellungen mariner Ressourcen und verflochtener Meereslandschaften in Kunst und Sprache der beteiligten menschlichen Gesellschaften
Aufbauend auf früheren Arbeiten der Forschungsgruppe „Language and the Anthropocene“ konzentriert sich das Projekt hauptsächlich auf Nordostasien und Westeuropa, berücksichtigt jedoch auch weitere Regionen von theoretischem Interesse.











