Ausbreitung von Nutztieren in Madagaskar fällt mit Entwaldung und dem Verschwinden großer Pflanzenfresser zusammen
Eine neue Studie zeigt, wie Nutztiere die Ökosysteme Madagaskars möglicherweise verändert und zum Rückgang der Megafauna beigetragen haben. Durch die Untersuchung der Ernährung und Ausbreitung von Rindern stellen die Forschenden einen Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Weidewirtschaft, der Ausdehnung von Graslandschaften und der Fragmentierung von Wäldern her. Damit ergibt sich ein komplexeres Bild des Megafauna-Aussterbens, als es die Erklärung durch Jagd allein vermuten lässt.
https://doi.org/10.1098/rspb.2026.0668
Das Anthropozän ist geprägt von den Auswirkungen menschlicher Aktivitäten auf unsere Umwelt. Dies erfordert eine neue Betrachtung der komplexen Wechselwirkungen zwischen unseren Gesellschaften und dem Erdsystem. Was geschieht, wenn Menschen in einen neuen Lebensraum vordringen? Und wie führen die von ihnen verursachten Veränderungen zu weiteren, möglicherweise unvorhergesehenen Folgen? Eine aktuell veröffentlichte Studie in den Proceedings of the Royal Society B untersucht diese Fragen am Beispiel Madagaskars und zeigt, wie die Einführung domestizierter Tiere die Insel verändert haben könnte.
Das Forschungsteam unter der Leitung von Sean Hixon vom Max-Planck-Institut für Geoanthropologie (MPI-GEA) nutzte die Radiokarbondatierung von Überresten von Hornträgern, um zu zeigen, dass sich Nutztiere nach ihrer Einführung vor etwa 1.200 Jahren rasch über Madagaskar ausbreiteten. Anschließend analysierten die Forschenden stabile Isotope, die in den Knochenproteinen der Rinder erhalten geblieben sind. Dabei stellten sie fest, dass sich die Ernährung der Tiere im Laufe der Zeit veränderte, was auf Veränderungen der Landschaft und Vegetation nach ihrer Einführung hindeutet.
„Unsere Isotopenanalyse zeigt, dass sich die Ernährung der Rinder zunehmend auf C4-Gräser verlagerte – Gräser, die typischerweise in trockenen, offenen Landschaften wachsen. Gleichzeitig deuten Pollenfunde darauf hin, dass Gräser insgesamt auf der Insel immer häufiger wurden”, sagt Hixon. „Zusammengenommen deuten diese Befunde darauf hin, dass im vergangenen Jahrtausend Vegetation gerodet und Land großflächig als Weideland genutzt wurde.”
Die offenbar rasche Ausbreitung von Nutztieren über Madagaskar und die zunehmende Nutzung von C4-Gräsern durch Rinder deuten darauf hin, dass die Weidewirtschaft zum beobachteten Rückgang endemischer, im Wald lebender Tierarten beigetragen haben könnte. Der Zeitpunkt dieser Veränderungen, möglicherweise Jahrtausende nach der ersten Ankunft des Menschen auf der Insel, deutet darauf hin, dass die Jagd allein die Aussterbeereignisse bei den Riesenlemuren und anderen Vertretern der Megafauna Madagaskars nicht erklärt.
„Unsere Daten zeigen, dass die Ausbreitung von Nutztieren über die Insel mit einer Fragmentierung der Wälder einherging, selbst wenn Nutztiere nicht direkt für den Verlust von Waldflächen und die Ausbreitung von Graslandschaften verantwortlich waren”, sagt Ricardo Fernandes, vom MPI-GEA, Seniorautor der Studie. „Für vorwiegend im Wald lebende Tiere wie die Riesenlemuren könnten diese Veränderungen ihrer Umwelt zu gravierend gewesen sein, um sie zu überstehen.”
Dieses Szenario, bei dem sich der durch menschliche Veränderungen eines Ökosystems verursachte Druck mit der Jagd verbindet, unterscheidet sich von dem zuvor für die nordamerikanische Megafauna angenommenen „Overkill“- Szenario. Stattdessen verdeutlicht es die komplexen Wechselwirkungen zwischen Tieren und ihrer Umwelt – und zwar nicht nur zwischen Menschen und ihrer Umwelt, sondern zwischen Lebewesen und Ökosystemen insgesamt.
Da Nutztiere auf Madagaskar nach wie vor eine wichtige Absicherung gegen Ernteausfälle darstellen, unterstreicht der historische Kontext der Ergebnisse die Bedeutung von Maßnahmen, die sowohl geeignete Nahrungsflächen in bestehenden offenen Lebensräumen erweitern als auch eine weitere Ausdehnung menschlicher Nutzung in den verbliebenen Waldgebieten verhindern.













