Reverse Engineering vergangener urbaner Mobilitäten: Entwicklung einer Methodik zur Simulation historischer Mobilitätspraktiken und urbaner Mobilitätsdynamiken
Aus heutiger Sicht war die Mobilität in Städten früher wesentlich nachhaltiger. Wie funktionierte sie, wie wurde sie wahrgenommen und was können wir daraus lernen?
In den meisten Großstädten weltweit wird die Mobilität seit vielen Jahrzehnten stark vom motorisierten Individualverkehr geprägt. Das Autofahren ist heute zu einem zentralen Problem geworden, wenn es darum geht, ökologische und gesellschaftliche Nachhaltigkeit angesichts des Klimawandels, drohender Ressourcenknappheit und hitziger Debatten über die städtische Flächennutzung zu erreichen. In den letzten 100 Jahren wurden viele Städte unter dem Motto einer „autofreundlichen Stadt” umgestaltet. Dabei wurde die zuvor auf öffentlichen Verkehr und Fußgänger ausgerichtete Infrastruktur umgewidmet und -gewandelt, um vor allem einen reibungslosen Autoverkehr zu ermöglichen.
Ziel dieses Projekts ist die Entwicklung einer experimentellen Methodik, um nachhaltige innerstädtische Alltagsmobilitätspraktiken der Vergangenheit, für die keine verlässlichen Mobilitätsdaten vorliegen, besser zu verstehen. Dadurch sollen Erkenntnisse über die Wechselbeziehungen zwischen Stadtentwicklung und Mobilität gewonnen werden. Eine solche Betrachtung historischer städtischer Mobilität könnte Aufschluss darüber geben, wie Städte vor dem Zeitalter des Automobils funktionierten. Somit könnten historisch fundiertere Vorstellungen davon gewonnen werden, wie Städte nach dem Zeitalter des Automobils funktionieren könnten.
Das Projekt umfasst eine Reihe von Testfällen, beginnend mit der Mobilität im Berlin der Zwischenkriegszeit. Dieser Fall weist nicht nur eine Bandbreite verschiedener moderner und historischer Mobilitätspraktiken und -technologien auf (Öffentlicher Nahverkehr, Fahrrad- und Fußverkehr), sondern bietet auch den seltenen Vorteil, dass tatsächliche Nutzungsdaten aus dieser Zeit vorliegen. Diese wurden ab etwa 1928 von der städtischen Verkehrsgesellschaft BVG („Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft”, heute „Berliner Verkehrsbetriebe”) gesammelt. Weitere Testfälle werden sich mit der Mobilität in noch älteren städtischen Umgebungen befassen.
Von Mustern zu Praktiken: Kann agentenbasierte Modellierung die Lücken in unseren Quellen füllen?
Der allgemeine Mangel an quantitativen Quellen zum Mobilitätsverhalten stellt ein großes Hindernis für systematische Studien zu historischer Mobilität dar. Die Mobilitätsgeschichte stützt sich vorwiegend auf statische Quellen (z. B. Karten) oder eher anekdotische Quellen (z. B. Tagebücher, Fotos, Reiseliteratur, Zeitungsartikel). Um eine systemische Sichtweise zu ermöglichen und die tatsächlichen Dynamik zu untersuchen, die sich aus der Interaktion zwischen statischen Infrastrukturen einerseits und Routinen, zielgerichteten Verhaltensweisen und sozio-ökonomischen Strukturen andererseits ergibt, kommen in diesem Projekt Experimentalmethoden wie Agent-based Modeling (ABM) und statistische Modellierung zum Einsatz.
Die darauf aufbauenden Modelle, die jeweils Hypothesen über die historische Mobilität darstellen, werden anhand von Geoinformationssystemen (GIS) verschiedener städtischer Umgebungen getestet und experimentell weiterentwickelt. Für den Testfall Berlin können das Verhalten dieser Modelle und die damit erzeugten synthetischen Daten mit den historischen Nutzungsdaten verglichen werden. Im nächsten Schritt werden die im Rahmen dieser Experimente entwickelten Modelle auf Testfälle älterer Städte in unterschiedlichen epochalen und geografischen Kontexten angewendet. Auf diese Weise werden Schritt für Schritt neue Erkenntnisse über historische Mobilität im Allgemeinen gewonnen.
Darüber hinaus ermöglicht eine interaktive Modellschnittstelle, die Dynamik des Modells zu erleben und auszuprobieren. Diese Modellschnittstelle könnte verschiedene Formen mit unterschiedlichem Aufwand und Originalitätsgrad annehmen. Sie könnte von einer einfachen, webbasierten Schnittstelle zur Anpassung und Betrachtung der Modelldynamik bis hin zu einem Serious Game oder sogar einer VR-Erfahrung reichen. Unabhängig davon, welche Form sie letztendlich annimmt, dient dieser Teil des Projekts dazu, die Öffentlichkeit für das Forschungsthema der Koevolution von Mobilität und Städten zu begeistern und sie zum Nachdenken darüber anzuregen, wie Städte mit nachhaltigem Verkehr tatsächlich aussehen und sich anfühlen könnten.











