Die sich wandelnde Rolle von Hirse in der späten Bronzezeit in Mitteldeutschland
Neue interdisziplinäre Forschungen zeigen, dass sich die Abhängigkeit von Hirse, einer trockenheitsresistenten Kulturpflanze, zu Beginn der späten Bronzezeit verlagert hat
In einer kürzlich in Scientific Reports veröffentlichten neuen Studie haben Forschende mithilfe einer stabilen Isotopenanalyse im Rahmen eines interdisziplinären Ansatzes die Ernährungsgewohnheiten der Bewohner:innen Mitteldeutschlands in der späten Bronzezeit (ca. 1.300 bis 800 v. Chr.) untersucht. Anhand der archäologischen Fundstätten Esperstedt und Kuckenburg in Sachsen-Anhalt, wo Bestattungen einen einzigartigen Einblick in die Lebensweise der damaligen Menschen bieten, beleuchtet die Studie das komplexe Zusammenspiel kultureller, wirtschaftlicher und ökologischer Faktoren in einer Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche.
Die Studie nutzt stabile Isotopenanalyse, Radiokarbondatierung, archäobotanische Analyse und Archäologie, um Veränderungen in der Landwirtschaft und den kulinarischen Traditionen in einer Zeit zu verfolgen, in der viele gesellschaftliche Veränderungen stattfanden. Die Forschung zeigt insbesondere, dass die Bewohner:innen der Region in der Bronzezeit von der ausschließlichen Kultivierung und dem Verzehr von Pflanzen wie Weizen und Gerste zu einer Landwirtschaft übergingen, die auch Hirse umfasste.
Das Forschungsteam identifizierte die Ernährungsumstellungen durch die Untersuchung der stabilen Kohlenstoff- und der stabilen Stickstoff-Isotopenverhältnisse im Knochenkollagen. Diese stabilen Isotopenwerte können Aufschluss über die Hauptbestandteile der Ernährung eines Menschen geben, darunter auch bestimmte Pflanzenarten. C3-Pflanzen wie Weizen und Gerste weisen niedrigere stabile Kohlenstoff-Isotopenwerte auf als C4-Pflanzen wie Hirse. Durch den Vergleich der Werte im Zeitverlauf konnten die Forschenden Verschiebungen in der Ernährung der Bevölkerung abschätzen.
Während die Forschenden die Einführung, den Höhepunkt und den Rückgang des Hirseverzehrs untersuchen, stellen sich Fragen nach den Ursachen für die Einführung (um 1.400 v. Chr.) und das Verschwinden des Hirseverzehrs (um 1.050 v. Chr.). Neben Faktoren wie Handelsnetzwerken, Bevölkerungswachstum und kulturellen Vorlieben kommt dabei auch den klimatischen Veränderungen in der Region eine entscheidende Rolle zu. Die Studie legt nahe, dass die zunehmende Trockenheit, die durch paläoklimatische Daten in der gesamten Region belegt ist, aufgrund der Widerstandsfähigkeit von Hirse in Zeiten geringerer Niederschläge und der höheren Erträge unter ungünstigen Bedingungen den wirtschaftlichen Fokus auf Hirse beeinflusst haben könnte.
Diese Studie trägt nicht nur zum Verständnis der vergangenen Dynamik der Einführung und Aufgabe des Hirseanbaus bei, sondern findet auch Resonanz in aktuellen Herausforderungen. Die Parallelen zwischen den Reaktionen der Menschen in der Antike auf klimatische Bedrohungen und den aktuellen Anbauversuchen mit Hirse unterstreichen die Relevanz früherer landwirtschaftlicher Praktiken für die Bewältigung heutiger Probleme. Da die Vereinten Nationen das Jahr 2023 zum Internationalen Jahr der Hirse erklärt haben, ist diese Studie eine zeitgemäße und wertvolle Quelle für aktuelle Maßnahmen angesichts des Klimawandels und zunehmender Naturkatastrophen und unterstreicht die anhaltende Bedeutung von Hirse als widerstandsfähige und anpassungsfähige Kulturpflanze.













